Rack - Buch

Rack - Buch Autor und Schriftsteller

 VERLOREN Kriegsschicksal ohne Ende

 

Der Protagonist Toni, ein 4-jähriger Junge, geht bei der Vertreibung 1946 aus Ungarn verloren.

Aufnahme bei einer russischen kinderlosen Musiker-Familie. Glückliche Kinderjahre, erste zarte Liebesschwärmerei mit Ildiko und dicke Freundschaft mit Attila, einem echten starken Freund. Der Aufstand 1956 zerstört die bescheidenen sorgenfreien Kinderjahre.

Verbannung nach Sibirien, Straflager. Musikstudium.

1979 erfährt Toni zufällig, dass er andere, leibliche Eltern hat, die eventuell noch leben, wahrscheinlich in Westdeutschland.

Schmerzlicher Abschied von seinen geliebten Zieheltern und Aufbruch zur Suche ins Ungewisse. Zwischenstation Moskau, findet dort seine große Liebe Rosa und will mit ihr in den Westen. Ostberlin - Mauer - Stopp!

Mithilfe eines verzweifelten Freundes wagen sie, im Kugelhagel der Vopos, die Flucht in den Westen.

Nur Toni allein überlebt!

Wo, und wie soll er seine Eltern finden? Er weiß weder seinen Familiennamen, noch seinen Geburtstag, noch seinen Geburtsort. Wie kann er da herausfinden, wer ER ist und letztlich, wer denn seine Eltern sein können.

Die vielen Rückschläge zerbrechen ihn fast. Fast am Ziel, wird er abgelehnt, - war alles umsonst?

Wie sehr bereut er sein ganzes Unternehmen. Zurück kann er nicht mehr, - da würde auch nur das Gefängnis auf ihn warten.

Jetzt ist er wirklich heimatlos – verloren…

 

Viele Daten, Namen, Geschehnisse und Orte stimmen mit denen des Autors überein.

Tonis Daten sind identisch mit denen des Autors – er könnte es selbst sein.

Das Wesentliche an der Geschichte ist die Darstellung in der Jetzt-Form, der Leser „erlebt“ das Geschehen hautnah, emotional mit, und ist deshalb sehr ergreifend.

 

332 Seiten, Hardcover, Verlagshaus Schlosser, ISBN: 978-3-86937-029-3 € 14,90

Vertrieb: Buchhandel, Eigenvertrieb-Postversand*, eBook www.neobooks.com, Hörbuch www.audible.de

Bei Bestellung beim Autor generell mit schöner Widmung,

* Postversand inkl. € 16.- mit beigelegtem Zahlschein

 

 

Leseprobe VERLOREN:

 

VERLOREN

 

Kühle frische Luft füllt langsam den Raum.

Vertreibt alten, schweren, von Krankheit geschwängerten Mief nach außen in die Vergangenheit.

Gardinen schweben, leicht spielend wie Federn, vor den geöffneten Fenstern.

Ab und zu mischt sich ein wärmerer Lufthauch dazwischen - ein leises Ahnen des nahenden Frühlings.

Der verschwommene Blick nimmt die fernen Konturen der Bergsilhouette kaum wahr.

Das Weiß der schneebedeckten Bergrücken verschwimmt mit dem milchigen Himmel.

Die Gedanken entschweben.

Mischt sich da nicht auch der Geruch von Lokomotivenrauch in die Nase?

Wirre Geräusche - Stimmen - Kommandos - weinende Kinder - Rufe - das Fauchen der Lokomotiven - das Rattern von Zügen? Tscht-tscht – tscht-tsch - klack-klack – klack-klack - klock-klock – tock-tock – toni-toni - toni-toni … Toni ….

Kalt wird’s langsam im Zimmer. Der Mann kniet auf dem Boden und liegt mit dem Oberkörper über dem Bett. Wie viel Zeit ist vergangen?

Eine Stunde? - Ein Tag? – Jahre? - 40 Jahre?

Die Hände sind ineinander verschlungen.

Seine langen Haare bedecken das liebe, kalt werdende Gesicht der alten Frau.

„Toni – Toni … mein Bub …“

Der Zug rattert weiter: Toni-Toni - mein-Bub – mein-Bub, Bub-Bub…

Ihre Hand gleitet aus seiner…

Wie im Film schweben die Wolken in der Ferne vorbei.

Neue tauchen auf, um auch wieder auf der anderen Fensterseite zu entfliehen.

Seine Gedanken führen einen Kampf - sie wollen bei der Mutter bleiben.

Die Wolken verlocken sie jedoch sich anzuhängen, mit ihnen zu fliegen, - lassen sich nicht mehr bändigen - sie fliegen … fliegen… fliegen…

 

* * *

 

Durch den beißenden Rauch erscheint, zuerst unklar, auf der Bahnstation unbeschreibliches Chaos. Details werden immer deutlicher: abgestellte Transportwagen, Vieh-Transporter, teils zu Schrott bombardiert, ebenso viele Militärfahrzeuge, Panzer, zerstörte Gebäude.

Dazwischen eine Unzahl von Soldaten, Zivilisten. Ohrenbetäubender Lärm.

Ausgemergelte Gestalten in zerlumpten Wehrmachtsuniformen oder was noch davon übrig blieb, bemühen sich, teils mit primitivem Werkzeug, teils von Hand, die Gleise zu reparieren. Andere hantieren an Schrott-Fahrzeugen. Überall Bemühungen, in das Chaos Ordnung zu bringen. Was man vom Schrott irgendwie verwerten kann, wird ausgebaut, um andere Teile wieder gangbar zu machen.

Erbärmlich gekleidete Soldaten, aber mit Waffen im Anschlag beaufsichtigen die Bauarbeiter, die offensichtlich Gefangene sind. Dazwischen hörte man deutsche Sprachfetzen. Mancher wird mit einem Gewehrkolben zur Eile angetrieben.

Neugierige Zivilisten werden auf Distanz gehalten. Jeglicher Kontakt mit diesen bedauernswerten Menschen ist verboten.

Die Zivilisten halten sich sowieso auf Abstand, schon damit sie möglichst nicht mit diesen Soldaten zusammen kommen, mit diesen will niemand etwas zu tun haben.

Vereinzelte Worte in einer fremden Sprache sind zu vernehmen, offensichtlich russisch.

 

Seite 71

Montags geht sein Schulalltag wieder weiter.

Morgens schaut er schon sehnsüchtig aus dem Fenster, ob er „seine“ Ildiko sieht. Wenn er unterwegs ist, wenn’s zum Essen geht oder abends, seine Blicke sind immer auf der Suche.

Spätestens am Dienstag-, aber auch am Mittwoch- und Freitagabend sieht er sie. Da ist Chorprobe. Hoffentlich läuft dies Projekt noch lange. Aber schon in 14 Tagen findet das Konzert in der Matthiaskirche auf der Fischer-Bastei statt.

Viele Gäste werden erwartet.

Toni ist schon ganz aufgeregt, da er verschiedene Solo-Passagen singen darf.

Wie gewohnt, nimmt er jede Gelegenheit wahr, bei schönem Wetter abends auf „seiner“ Bank zu sitzen, in der Hoffnung, dass sich auch irgendwo Ildiko niederlassen wird. Ob sie schon gemerkt hat, dass er Stielaugen nach ihr macht?

Irgendwie möchte er gerne ihre Aufmerksamkeit erregen, möchte ihr zeigen, dass sie ihm so sehr gefällt, aber wie? Vielleicht ein Briefchen zustecken, aber das ist sehr riskant.

 

An einem Abend sieht Toni, wie sie von ihrer Bank aufsteht und sich bereit macht, nach Hause zu gehen. Es ist schon 21 Uhr. Ihr Weg führt sie an ihm vorbei. Kurz bevor sie seine Bank erreicht, steht er auch auf und schickt sich an zu gehen. Dabei fällt ihm, wie versehentlich, ein Blatt Papier auf den Boden. Etwas darauf zu schreiben, hat er sich nicht getraut. Er tut so, als ob er es nicht bemerkt hätte und geht mit zittrigen Beinen los. Sie ist jetzt ca. 5 Meter hinter ihm und  müsste das Blatt gesehen haben. Jeden Moment wartet er darauf, dass sie ihn auf sein verlorenes Blatt aufmerksam macht.

Er ist so angespannt, jetzt müsste etwas geschehen.

Zögerlich geht er, bereit, sofort stehen zu bleiben. Hört ihre Schritte auf dem Schotter von hinten näher kommen. Er kann es nicht glauben, sie muss doch längst an der Stelle angekommen sein, wo sein Blatt auf dem Boden liegt. Enttäuscht wird ihm klar, sie hat sein Blatt übersehen oder noch schlimmer, sie hat es nicht sehen wollen. Stehen bleiben darf er aber nicht.

Wie Blei sind jetzt seine Beine, aber er muss noch ein Stück weitergehen, bis er sicher ist, dass sie ihren Eingang erreicht hat. Vorher darf er sich nicht einmal umdrehen.

Zu groß ist die Enttäuschung. Groll steigt in ihm auf. DIE will von mir nichts wissen!

Als er dann sicher weiß, dass sie im Haus ist, tut er so, als ob er jetzt erst bemerkt, dass ihm etwas fehlt. Total frustriert dreht er sich um, geht zurück und holt sich sein Blatt.

Mit seinen Zimmerkameraden will er gar nichts mehr reden und verkriecht sich im Bett. Aber in dieser Nacht schläft er nicht gut.

‚Die schau’ ich nicht mehr an’, solche Gedanken gehen ihm im Kopf herum.

Es sind nur noch ein paar Proben bis zu ihrem großen Konzert. Es macht gar keinen rechten Spaß mehr. Er ist unkonzentriert. Olga muss ihn sogar mahnen, sich zusammenzureißen, schließlich spielt er den Hauptpart.

SIE steht wie immer schräg vor ihm.

‚Ach, so schön ist sie doch gar nicht’, versucht er sich einzureden. Hin- und hergerissen ist er, ‚die kann mir doch egal sein.’ Aber er kann es nicht verhindern, irgendwie geht eine besondere Ausstrahlung von ihr aus, ist es ihr Duft?  - er weiß es nicht. Wenn er in ihrer Nähe ist, fühlt er eine Veränderung in sich. Irgendwie macht es ihn glücklich.

 

Der Tag ihres großen Konzertes ist da.

Alle Teilnehmer putzen sich heraus. Sie haben dafür eine spezielle Festkleidung: Schwarze Hose, rotes Hemd mit schwarzer Fliege. Toll kommt sich Toni vor, da wird er aber punkten. Die Haare glänzend geölt, exakter Scheitel.

Die gesamte Chorgruppe trifft sich im Hof, auch die Mädchen.

Und da kommt SIE: Er muss die Luft anhalten. Sein Herz macht Freudensprünge – er hört sein Herz wie wild schlagen, will sich dagegen wehren - vergeblich.

‚Hat SIE mich auch gesehen?’ – er ist sich nicht sicher.

Ein schönes Bild: Vorneweg die Mädchen, dahinter die Jungens - jeweils in Gruppenformation - marschieren sie ab in Richtung Fischer-Bastei.

Unterwegs erregen sie großes Aufsehen.

Die ersten Gäste sind auch schon eingetroffen und versammeln sich vor der Matthias-Kirche. Die Gruppen marschieren gleich in die Kirche, da vorher noch Gesangs- und Stellproben stattfinden. Toni bekommt ganz weiche Knie, als er die vielen Wartenden wahrnimmt.

Bei der Probe holpert noch ein Einsatz von Toni.

Aber Olga ist ja dabei, die beruhigt ihn und redet ihm Mut zu.

Als er dann zurückgeht in seine Reihe, geschieht ein Wunder:

„Toni, ich drücke dir ganz fest die Daumen“, haucht es neben ihm.

Sein Herz bleibt stehen – wer war das wohl?

Ildiko!  - er nimmt noch ihr Lächeln wahr – das ihm gilt - ganz allein!

Soll er einen Luftsprung machen? SIE umarmen? - ach die ganze Welt könnte er jetzt umarmen.